Nach mehr als zehn Jahren war es die Eröffnung der Casino de Paris Revue im Dunes in Las Vegas, die Rudy Horn wieder in diesen Teil der Welt zurückbrachte. Er war seit Anfang des Jahres ein Teil dieses üppigen Spektakels und gab damit US-Jongleuren die Chance, einen der besten Jongleure aller Zeiten beim Jonglieren zu beobachten.

Obwohl Rudy eigentlich durch seine Tassen- und Untertassen-Nummer berühmt wurde, waren es doch insbesondere seine fantastischen Keulen- und Ballnummern, die seinen Ruf als besten Wurfjongleur der Welt begründeten.

Rudy kam als Sproß einer Zirkusfamilie in Nürnberg zur Welt. Obwohl seine Eltern vielseitige Entertainer waren (Akrobatik, Trapez etc.), waren es insbesondere sein Großvater mütterlicherseits, der einen kleinen Open-Air-Zirkus besaß, und sein Onkel, die in der Familie die Jongleure waren. Rudy begann das Jonglieren bereits als 7-Jähriger am Weihnachtsabend 1940, als sein Vater, der gerade zur Armee eingezogen worden war, versuchte, die Stimmung etwas aufzuheitern, indem er für Rudy und seine kleine Schwester mit drei Äpfeln jonglierte. Rudy nahm die Äpfel, und zeigte im Jonglieren gleich eine solche natürliche Begabung, daß er die Äpfel nach nur zehn Minuten des Übens schon besser jonglieren konnte als sein Vater. Seine Eltern erkannten sogleich die Bedeutung dieses Augenblicks für die Zukunft ihres Sohnes, und bestanden darauf, daß er das Jonglieren weiter trainiere.

Obwohl der Junge von der Idee nicht besonders angetan war, erwarteten sie von ihm, daß er eine Stunde seiner zweistündigen Mittagspause mit üben verbringe. Am Nachmittag, als er von der Schule kam, durfte er mit seinen Freunden spielen, mußte aber jeden Abend, wenn sein Vater aus der Kaserne kam, mit ihm drei Stunden lang üben. Nebenbei erlernte er auch Akrobatik und Steptanz.

Als die Armee seinem Vater untersagte, aufzutreten, ging dieser zum Leiter des Wintergarten-Theaters in Nürnberg, um für seinen Sohn einen Auftrittstermin zu bekommen. Der Theaterdirektor fand die Idee völlig abwegig, als er erfuhr, daß Rudy noch ein Kind ist und niemals zuvor aufgetreten war. Dennoch gelang es Rudys Vater, ihn zu überzeugen, und der Junge wurde für die Weihnachtsshow 1942 verpflichtet, in der er zusammen mit vielen hochkarätigen deutschen Varietékünstlern auftreten sollte.

Der kleine, 9-jährige Rudy gestaltete seinen ersten öffentlichen Auftritt gemeinsam mit seinem Großvater. Sie zeigten eine Akrobatik-Nummerund jonglierten mit Keulen. Rudy stand auf seines Großvaters Kopf während beide mit Keulen jonglierten und sich dabei schnell vorwärts und rückwärts über die Bühne bewegten. Der Höhepunkt des Aktes aber war Rudys Soloperformance. Im Anschluß an einen eröffnenden Steptanz zeigte er Jongliernummern mit drei Bällen, drei Keulen und fünf Ringen und schloß mit einer Nummer ab, bei der er nacheinander eine Untertasse, eine Tasse, einen Löffel und einen Zuckerwürfel auf seinen Kopf hochwarf. Diese Nummer machte den Jungen zu einer Sensation. Sofort bekam er Auftritte in den besten Varietés Deutschlands. Nachdem aber ein Jahr später die Bombenangriffe auf die Städte zunahmen, fanden seine Eltern es zu gefährlich für ihn weit weg von daheim, und so trat er nicht weiter auf bis zum Ende des Krieges.

Rudy erinnert die folgenden beiden Jahre als eine düstere Zeit. Trotz Nahrungsmittelknappheit setzte er seine Übungen fort. Als der Krieg zu Ende war, begann er vor amerikanischen Soldaten in den Klubs der US-Armeein Deutschland aufzutreten.Im Jahr 1946 brachte er es schon auf sieben Tassen und Untertassen, und seine Ball- und Keulen-Nummern waren jetzt so perfekt, daß das einzigste, was zu Boden fiel, die Zigaretten waren, die die Soldaten voller Begeisterung nach ihm warfen (Zigaretten waren ein Zahlungsmittel zu jener Zeit).